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Gerhardt Ronnebergers Autobiographie - Deckname "SAALE" - aus 1999 - ein Generaldirektor erzählt .....

Gerhardt Ronneberger, geboren im März 1934 in Saalfeld († 2013 ?) schreibt 1999 in seiner Autobiographie (1982–1999) auf etwa 370 Seiten, wie es wirklich zuging beim MfS, der Stasi und den Betrieben in der "Deutschen Republik". Da er nie in einem richtigen Ossi-Gefängnis eingesperrt war, fehlt diese Erfahrung völlig, dafür aber die Zustände in einem West-Gefängnis und wie es dazu kam und vor allem, was danach bis zur Wende im Dez 1989 kam. Der Einstieg beginnt hier und mein Resume über das Buch endet hier.

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Kapitel 7
Der Handelsbereich 4 - Importbereich von KoKO

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Partisanentaktik und Versteckspiel

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Die Bildung des Handelsbereiches 4

Für Außenstehende schien es gewiß ein Degradierung zu sein, zumindest war es ungewöhnlich und irgendwie seltsam. Denn nach meiner Ablösung als Generaldirektor des Außenhandelsbetriebs Elektronik im Jahr 1982 verschwand ich nicht etwa von der Bildfläche, sondern baute im selben Unternehmen einen speziellen Bereich für Importe aus nichtsozialistischen Ländern (NSW) auf.

Mein unsichtbarer, aber stets und überall gegenwärtiger Auftraggeber - war die Staatssicherheit. Der Platz, auf den mich die Partei nun gerückt hatte, nannte sich Handelsbereich 4, in Kurzform H 4.

Ich wurde - welch Abstieg! - Stellvertreter des Generaldirektors Kurt Rippich und unterstand diesem in meiner Funktion als Leiter des H 4.

Dieser Handelsbereich realisierte bis 1986 die meisten der erforderlichen Importe an elektronischen Bauelementen, Produktionsausrüstungen und Fertigungslinien für die Mikroelektronik. Zudem waren wir für den Technologietransfer aus dem Westen verantwortlich.
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Embargowaren aus Japan

Schritt für Schritt bauten wir Beschaffungslinien für Embargowaren auf und konzentrierten uns - es war mehr als ein persönlichere Faible - dabei besonders auf Japan.

Mein Verhältnis zu Alexander Schalck-Golodkowski

Es lag in der Natur der Sache, daß sich in meiner neuen Funktion auch vielfältige Arbeitskontakte zu KoKo ergaben. Mit dem wachsenden Berg von Aufgaben wurde meine Zusammenarbeit mit Alexander Schalck-Golodkowski immer enger, es entwickelten sich sogar persönliche Kontakte und ein echtes Vertrauensverhältnis.

Dem „Klassenfeind" heimlich Embargowaren aus den Tresoren klauten

Natürlich waren wir von H 4 nicht die einzigen, die dem „Klassenfeind" heimlich Embargowaren aus den Tresoren klauten. Die Genossen des Direktionsbereichs Anlagenimport des Kombinates Mikroelektronik und die Speziellen Beschafrungsorgane der HVA des MfS waren auch nicht faul.

Allerdings hatten wir - im Gegensatz zu ihnen - zu diesem Zeitpunkt keinerlei offizielle Verbindungen zur Stasi. Und auch gegenüber dem Leiter des Anlagenimports hatte ich nur äußerst begrenzte Anleitungs- und Kontrollfunktionen, die mir zwar einen gewissen Einblick in die Arbeit dieses Bereichs ermöglichten, aber keinerlei Rechte einer Einflußnahme auf den Inhalt der Arbeit gaben.

3 Partner für Schalck - Alles viel zu kompliziert

Das grundsätzliche Problem aber war, daß Schalck, der für den Außenhandel mit der Mikroelektronik längst die alleinige Verantwortung trug und das auch noch finanzieren mußte, drei verschiedene Partner gegenüberstanden.

Er erkannte sofort, daß dies seine Arbeit erschweren und damit auch die Ergebnisse negativ beeinträchtigten mußte. Was wollte und konnte er also tun?

Selbstverständlich waren auch für ihn die Beschaffer der Stasi unantastbar. Ein solches Tabu galt aber nicht für eine angestrebte einheitliche Leitung von H 4 und Anlagenimport, schon gar nicht, wenn man Schalck-Golodkowski hieß und über starke Verbündete beim MfS und in der Parteiführung verfügte.

Kurz, er vermochte es, sich gegen die Widerständler der Stasi-Hauptabteilung XVIII, deren Ziehkind der Anlagenimport war, erfolgreich durchzusetzen.

Siegfried Stöcken mit Decknamen „Leo" und ich ....

Während der Leipziger Frühjahrsmesse 1986 wurde ich von Siegfried Stöcken, Sektorenleiter in der Hauptabteilung III von KoKo und IM unter dem Decknamen „Leo", informiert, daß er von Schalck den Auftrag erhalten hätte, ein Konzept zur Bildung eines einheitlichen Importbereiches von KoKo zu erarbeiten, in den der H4 und der Anlagenimport zu integrieren seien.

Und fast nebenbei erklärte er, daß der „Staatssekretär", so wurde Schalck von seinen Mitarbeitern genannt, meine Mitarbeit bereits festgelegt habe - natürlich ohne mich nach meiner Zustimmung zu fragen.

Das war aber auch gar nicht nötig. Denn Stöckert kannte ich schon aus unserer gemeinsamen Tätigkeit im AHB Elektrotechnik. Wir verstanden uns gut und vertrauten uns seit Jahren.

Klar, daß er auch von meinen vergeblichen Bemühungen zur Zusammenführung von H4 und Anlagenimport und meinem Konzept von 1982 wußte. Diesen Entwurf nahmen wir nun als Grundlage für den neu zu erarbeiteten Vorschlag.

Partisanentaktik in der obersten Führungsebene

Dabei mußten wir uns - so unglaublich es heute klingen mag - in gewissem Maße einer Partisanentaktik bedienen. Schnell waren wir uns einig, daß weder Kupfer als Leiter des Anlagenimportes noch die Hauptabteilung XVIII des MfS davon erfahren durfte. Sie hätte mit Sicherheit - in des Wortes doppelter Bedeutung - unser Konzept zu verhindern versucht.

Schließlich lief es zwangsläufig darauf hinaus, den Einfluß der Hauptabteilung XVIII einzuschränken und den für KoKo zuständigen Arbeitsgruppe Bereich Kommerzielle Koordinierung zu erweitern. Zwischen beiden Truppenteilen der Stasi bestand aber nicht nur eine begrenzte Zusammenarbeit, was für die einzelnen Struktureinheiten des MfS typisch war, sondern sie waren auch in gewissem Maße Konkurrenten.

Also durfte ich unter keinen Umstanden meinen Führungsoffizier Artur Wenzel davon informieren. Das wiederum verstieß gegen meine Pflichten als IM und hätte böse Konsequenzen für mich haben können.

Wie nun aus dieser Zwickmühle herauskommen? Ich baute auf die Rückendeckung durch Schalck. Wir mußten die Gegner unseres Konzepts durch Schnelligkeit überrumpeln. Mit Stöckert vereinbarte ich deshalb die Ausarbeitung der Konzeption an einem Freitag und die Übergabe an Dr. Schalck-Golodkowski am Sonnabend.

Wie wir Schalck kannten, erwartete er von uns eine zügige Erledigung, und wir konnten davon ausgehen, daß er dieses Konzept sofort durcharbeiten und noch am gleichen Wochenende bei einem der üblichen persönlichen Treffen mit Mittag beraten würde.

Ein solcher Zeitablauf erlaubte mir, meinen Führungsoffizier erst am Montag zu informieren. Ein Schal(c)k, wer Arges dabei denkt.
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Das staatliche Gründungsdokument des Handelsbereiches 4

Zu diesem Zeitpunkt waren aber schon alle Messen gelesen, er und seine MfS-Abteilung würden uns nicht mehr ins Handwerk pfuschen können, zumal ich Wenzel auch nicht heimlich eine Kopie übergeben konnte, da ich aufgrund der Geheimhaltungsstufe selbst keine besitzen durfte.

Wie wir es ausgetüftelt hatten, so lief es auch: Das Papier, das Schalck Mittag überreichte, wurde umgehend durch die Parteiführung bestätigt.

Vermutlich war das nur mit Zustimmung des Ministers für Staatssicherheit möglich. Damit gab es keine Chance mehr, die Bildung eines einheitlichen Importbereiches unter der Regie von KoKo zu verhindern.

So, wie der Minister für Außenhandel dies nur noch zur Kenntnis nehmen durfte, so konnten die bisherigen Privilegien des Direktionsbereichs Anlagenimport auch nicht mehr durch die HA XVIII/8 des MfS gerettet werden. Der Anlagenimport stand überrascht vor der Tatsache, seine bisherige Selbständigkeit verloren zu haben.

Im Ergebnis unseres erfolgreichen Blitzfeldzuges wurde zwischen dem Ministerium für Außenhandel, dem Bereich Kommerzielle Koordinierung und dem Ministerium für Elektrotechnik/Elektronik eine „Gemeinsame Festlegungen zur Wahrnehmung außenwirtschaftlicher Aufgaben zur beschleunigten Entwicklung und Anwendung der Mikroelektronik, CAD/CAM-Technik und Rechentechnik im Zeitraum 1986-1990" unterzeichnet Diese Geheime Verschlußsache war das staatliche Gründungsdokument des Handelsbereiches 4.
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Von nun an war ich Diener zweier Herren

Wir waren nun als eigenständiger Importbereich Diener zweier Herren. D. h., daß ich es als Chef mit einer Doppelunterstellung zu tun hatte - zum einen die Unterstellung unter StaatssekretSr Nendel (MEE) und zum anderen die Unterstellung unter Schalck-Golodkowski (KoKo).

Nicht weniger kompliziert war die Tatsache, daß wir nach außen hin unter den Namen des Außenhandelsbetriebes Elektronik auftreten sollten. Unter dem Tarnmantel eines bereits bestehenden und auch im westlichen Ausland als ordnungsgemäß und seriös angesehenen staatlichen Außenhandelsbetriebes sollte der Hauptinhalt unserer Arbeit, nämlich Embargoimporte, versteckt werden.

Aus Gründen der Konspiration durften wir weder innerhalb noch außerhalb der DDR als Importbereich von KoKo in Erscheinung treten. Verständlich, daß schon aus diesem Grund alle Mitarbeiter als Geheimnisträger verpflichtet wurden und sämtliche Vorgange der Geheimhhaltung unterlagen und als Vertrauliche Verschlußsache behandelt wurden.

Insgesamt arbeiteten im Bereich rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, alle gut ausgebildet und mit jahrelanger praktischter Außenhandelserfahrung - auch in Embargogeschäften - sowie aufgrund der Sicherheitsanforderungen handverlesen. Das Personal des alten Bereiches H4 im AHB Elektronik und des Anlagenimports wurde von uns weitgehend übernommen.
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Die Struktur des Importbereichs

Die Struktur des Importbereichs entsprach seiner umfangreichen Aufgabenstellung :

- vier Importkontore gegliedert nach Warenstruktur, die für die Vorbereitung, den Abschluß und die Realisierung der Importverträge verantwortlich waren;
- Bereich Ökonomie mit Verantwortlichkeit für die Planung
und Abrechnung der Importe;
- die Buchhaltung mit Verantwortung für Zahlungsverkehr und
Kontenführung;
- die Abteilung Personal/Sicherheit/Reisestelle für Auslandsdienstreisen;
- die Abteilung Verwaltung.

Kernstück des Bereiches waren die vier Importkontore, von deren Erfolg oder Mißerfolg die gesamten Erfolge des Importbereiches abhängig waren:

- Kontor 40 hatte die Aufgabe des Importes von Meßtechnik und Computertechnik einschließlich Peripherie und Software;
- Kontor 42 war für den Import elektronischer Bauelemente und von Materialien für die Mikroelektronik, z. B. Silizium, verantwortlich;
- Kontor 44 importierte Maschinen, Ausrüstungen und komplette Anlagen, sofern es sich nicht um spezifische Ausrüstungen für die Mikroelektronik handelte und sie damit auch nicht dem Embargo unterlagen;
- Kontor 45 war das Importkontor für die spezifischen Ausrüstungen für die Mikroelektronik. Entsprechend dem Charakter dieser Produktionsausrüstungen wurden in diesem Kontor und im Kontor 40 die strategischen Embargoimporte realisiert.
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Mit dem MfS im Haus der Elektroindustrie am Alexanderplatz 6

Als Sitz des Handelsbereiches 4 wurde das Haus der Elektroindustrie am Alexanderplatz 6 in Berlin-Mitte, wo auch der Außenhandelsbetrieb Elektronik untergebracht war, festgelegt. Damit sollte die Zugehörigkeit zu diesem AHB vorgetäuscht werden. Im gleichen Haus befanden sich auch das Ministerium für Elektrotechnik und die Abteilung 8 der Hauptabteilung XVIII des MfS, so daß ein enges Zusammenwirken stets gegeben war.

Ein eigenes Lager erhielt der Bereich aus Gründen der Tarnung auf dem Gelände des KoKO Unternehmens Bieg in der Semmelweisstraße in Berlin-Altglienicke.

Nachdem unseres Bereich seine Arbeit ausgenommen hatte, wurde seine Aufgabenstellung nochmals erweitert. Auf Antrag des Ministers für Elektrotechnik/Elektronik wurde noch eine 40köpflge Abteilung "Wissenschaftsstrategie" angegliedert, geleitet von Professor Rolf Jahn.

Sie befaßten sich für das MEE mit analytischer und konzeptioneller Arbeit auf den Gebieten von Wissenschaft, Technik und Ökonomie der Elektrotechnik und Elektronik und waren gleichzeitig als Auswerter für den Sektor Wissenschaft und Technik (SWT) des MfS tätig.

Ich erhielt zwar die Disziplinarbefugnis, durfte mich aber in die inhaltliche Arbeit nicht einmischen. Die fachliche Anleitung und Kontrolle oblag allein Staatssekretär Karl Nendel. Zum anderen flossen bestimmte Erkenntnisse dieser Abteilung in unsere praktische Importtätigkeit ein, wie wir die Kollegen auch unsererseits mit ausgewählten Informationen und Dokumentationen unterstützten.
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Das Konkurrenzverhalten sowie das Versteckspiel der Stasi-Indianer

Die Idee, die Abteilung Wissenschaftsstrategie in unseren Handelsbereich einzugliedern, kam übrigens von meinem Führungsoffizier Artur Wenzel. Ursprünglich wollte er sogar noch einen Schritt weitergehen und eine eigene Vertreterfirma nach dem Vorbild der Firma Günther Forgber bilden.

Diese Vertreterfirma sollte nicht dem Verband Transinter angehören, wie dies für Vertreterfirmen der DDR zwingend war, sondern unserem Bereich, um damit genau wie bei Forgber den direkten Einfluß des MfS zu sichern.

Diese Vertreterfirma sollte zudem nur Embargolieferanten in der DDR vertreten und absichern, daß Transinter auf diese Firmen und die Embargogeschäfte keinen Einfluß hat und daß dadurch eine absolute Geheimhaltung der Lieferanten gewährleistet war.

Als Intimus von Artur Wenzel hatte ich die Ehre, in seinem Auftrag einen „Vorschlag zur Bildung einer bereichsspezifischen Vertreter-Organisation" ausarbeiten.

Von diesem Plan durfte wiederum Schalck nichts erfahren, da Wenzel von dessen Seite Einspruch erwartete. Das Konzept sollte wahrscheinlich im Alleingang der HA XVIII des MfS umgesetzt werden, weil Wenzel seinen Einfluß sichern und die Arbeitsgruppe BKK ausschalten wollte.

Solches Konkurrenzverhalten zwischen einzelnen Bereichen innerhalb des MfS war durchaus üblich, aber mich nervte dieses Versteckspiel der Stasi-Indianer sowie meiner Befehls- und Brötchengeber zusehends.
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Das Gnadenbrot für verdienstvolle Zuträger

Wenzel hatte sogar schon den zukünftigen Leiter dieser spezifischen Vertreterorganisation ausgewählt: mein Stellvertreter Dietrich Kupfer.

Seine Ablösung als mein Stellvertreter war - unabhängig von diesem Konzept - in Übereinstimmung mit KoKo bereits ins Auge gefaßt worden, da er in dieser Funktion nicht mehr den Anforderungen gewachsen war.

Kupfer war als IM „Messing" für Wenzel eine Vertrauensperson. Über die vorgesehene neue Funktion für seinen verdienstvollen Zuträger wollte Wenzel ihm das Gnadenbrot geben und ihn weiter im Geschäft des MfS mitmischen lassen. Allerdings ist es zum Aufbau dieser Vertreterfirma nicht mehr gekommen, die Wende kam zuvor.

Den Schalck im Nacken

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Dr. Schalck-Golodkowski - mein Chef mit starker Überzeugungskraft

Unmittelbar, nachdem der Beschluß zur Bildung des Handelsbereichs 4 gefaßt war, wurde ich zu „Alex", so wurde Schalck von seinen Mitarbeitern genannt, gerufen. Es fand ein langes persönliches Gespräch unter vier Augen statt.

Und es lief wie üblich ab: in der gewohnten zwanglosen und freimütigen Atmosphäre; er redete nie um den heißen Brei, sondern kam stets schnell auf den Punkt.

Wenn Schalck Aufgaben erläuterte, die er anderen Übertragen wollte, zeichnete er sich durch starke Überzeugungskraft aus. Er besaß die seltene Gabe, seine Mitarbeiter wirklich zu motivieren.

Er räumte stets die Möglichkeit ein, daß man seinen Standpunkt artikulieren und eigene Vorschläge unterbreiten konnte. Kein Demokratiespielchen zwischen Chef und Untergebenem, denn er akzeptierte andere Gedanken, wenn sie der Sache dienlich waren. Mit Schalck zu sprechen, war meist ein intellektuelles Vergnügen, weil es konstruktiv und schöpferisch zuging.
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Schalck - das Arbeitstier

Schalck selbst arbeitete sehr hart und zielstrebig, und gleiches verlangte er auch von allen Mitarbeitern. Oft ging ihm alles viel zu langsam.

Unmögliches gab es für ihn nicht. Bei aller Umgänglichkeit und Aufgeschlossenheit konnte er aber auch eiskalt sein, vor allem, wenn es ums Fachliche und ums Geschäft ging.

Bei ihm zählte nicht die Ideologie, sondern die bedingungslose Erfüllung gestellter Aufgaben und der Erfolg. Um das zu erreichen, erhielt man von Schalck stets alle notwendigen Vollmachten und freie Hand, Entscheidungen traf er sofort und unbürokratisch. Hatte sich der Erfolg eingestellt, wurde er von Schlack hoch anerkannt und honoriert.
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Schalcks Arbeitsstil war grundsätzlich anders.

Dieser unorthodoxe flexible Arbeitsstil unterschied sich grundsätzlich von der Arbeitsweise in allen anderen Bereichen der Planwirtschaft. Er war auch der Schlüssel für die Erfolge des Bereichs Kommerzielle Koordinierung.

Schalck befähigte uns durch sein Vorbild, das System der kapitalistischen Marktwirtschaft zu verstehen und für die Erfüllung der uns gestellten Aufgaben erfolgreich zu nutzen.

Das Gespräch fand in Schalcks bescheiden eingerichtetem Arbeitszimmer statt. Wie immer dezent im Busineß-Look gekleidet, erhob er sich von seinem großen, etwas altertümlich wirkenden und mit zahlreichen Telefonapparaten bestückten Schreibtisch.

Wie üblich mußte ich dann am Konferenztisch Platz nehmen, der direkt an seinen Schreibtisch angestellt war. Er selbst blieb am Schreibtisch sitzen, damit er die über seine Direktleitungen laufenden Telefongespräche jederzeit entgegennehmen konnte, und das war im Laufe eines Gesprächs recht oft.

Für ganz persönliche Gespräche gab es im Zimmer noch einen kleinen runden Tisch mit einer Sitzgruppe vier Personen. Die Einrichtung des 30 Quadratmeter großen Arbeitszimmers wurde nur noch durch einen Bücherschrank ergänzt, insgesamt wirkte es recht kahl und nüchtern. Daß Schalck ein Sammler von Gemälden war, konnte man hier noch nicht einmal spüren.
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Nochmal mein Eintrittsgespräch bei Dr. Schalck-Golodkowski

In besagtem Gespräch ließ sich Schalck von mir nochmals meinen bisherigen Entwicklungsweg schildern, obwohl er ihn eigentlich schon kannte. Und dann saß ihm tatsächlich der Schalk im Nacken, als er mich nämlich spitzbübisch nach meiner „Anbindung an das MfS" fragte, obwohl er natürlich wußte, daß ich darauf nicht antworten durfte.

Ich wich der Frage aus, was er aber nicht akzeptierte. Vielmehr machte er mir klar, daß „wir in einer solchen Funktion alle mit dem MfS zusammenarbeiten" würden, „denn sonst säßen wir beide heute hier nicht zusammen".

„Du kennst ja Artur (gemeint war mein Führungsoffizier Artur Wenzel - G. R.) sehr gut, er ist doch dein Führungsoffizier ?" Was sollte ich da noch herumeiern ?
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Jetzt war ich 1. Stellvertreter des Generaldirektors AHB Elektronik

Kurzum: Meine neue Funktion lautete offiziell 1. Stellvertreter des Generaldirektors AHB Elektronik. Ich bekam die uneingeschränkten Rechte und Pflichten eine Generaldirektors übertragen und wurde dem Staatssekretär Dr. Schalck-Golodkowski direkt unterstellt.

Nun war Schalck also mein Chef. Entsprechend der getroffenen Festlegungen wurde ich gleichzeitig dem Staatssekretär im MEE und Regierungsbeauftragten für die Mikroelektronik, Karl Nendel, unterstellt. Der Generaldirektor des AHB Elektronik hatte ab sofort mir gegenüber keinerlei Befugnisse mehr.

Im Bereich KoKo wurde mein Handelsbereich der Hauptabteilung III unter Dieter Paul zugeordnet. Innerhalb dieser Hauptabteilung war der Sektorenleiter Siegfried Stöckert für die Anleitung und Kontrolle unseres Bereichs zuständig, der gleichzeitig Mitglied des Arbeitsstabs Nendel war.
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Nur noch Schalck rechenschaftspflichtig - niemand anderem mehr

Weisungsbefugt gegenüber mir war jedoch nur Schalck. Ich war nur ihm rechenschaftspflichtig. Die Erfolge unserer Arbeit waren Erfolge der Arbeit seines Bereiches Koko, über die er die Parteiführung stolz informierte.

Mit dieser Struktur wurden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Zum einen entstand eine direkte Führungslinie vom Staatssekretär Schalck-Golodkowski zu mir als Leiter des Importbereichs, zum anderen gab es gleichzeitig eine wirkungsvolle Verflechtung mit der Arbeitsgruppe Nendel und von da aus mit den Generaldirektoren der Mikroelektronik-Kombinate als Endabnehmer der importierten Waren.

Die Aufgabenabgrenzung zwischen KoKo, MEE und H4 stellte Schalck vor dem Untersuchungsausschuß des Bundestages später wie folgt dar:

Der Bericht vor dem Untersuchungsausschuß des Bundestages

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  • „Was den Teil Mikroelektronik anbetraf, also Embargo, gab es Beschlüsse des Parteitages, des Politbüros, des Ministerrates, mein Beitrag war, 1.250 Mio. DM Devisen für fünf Jahre bereitzustellen und als Kredit der staatlichen Plankommission zur Verfügung zu stellen. Diesen Kredit haben wir zur Verfügung gestellt und haben uns verpflichtet, im Ergebnis des X. Parteitages die Zinsen zu erwirtschaften. Die Verantwortung, wie diese Mittel ausspezifiziert und ausgestattet wurden, die konnte ich sachlich überhaupt nicht treffen, dazu bin ich überhaupt nicht imstande.
  • Diese Entscheidung hat der Regierungsbeauftragte der Mikroelektronik, Karl Nendel, der verantwortliche Minister getroffen und hat dem Außenhandel - und jetzt kommt Gerhardt Ronneberger, der für mich - das muß ich einmal sagen - ein ganz erfahrener Fachmann war.
  • Ohne Gerhardt Ronneberger hätten wir diese Funktion, die uns übertragen wurde, sicherlich nicht erfolgreich durchführen können. Und die Mitarbeiter in seinem Bereich, die er dort hatte, waren ja alles Leute, die sich schon vorher im Außenhandel mit diesen Problemen beschäftigt haben. Und in dieser Führungspyramide war natürlich der Leiter des Bereiches dafür verantwortlich, daß die Spezifikationen, die der Regierungsbeauftragte vorgegeben hatte, durch den zuständigen Außenhandelsbetrieb beschafft werden.
  • Und da hatte Gerhardt Ronnberger natürlich ständig von mir über die Berichterstattung und die Lageinformation Druck gekriegt auf der einen Seite, auf der anderen Seite auch hohe materielle Stimulierung, um diese Aufgabenstellung zum Termin zu erfüllen.
  • Also die Verantwortung als Staatssekretär liegt ja nicht darin, alles selber zu machen, sondern die Verantwortung liegt darin, daß diese zentralen Weisungen im Rahmen der Fonds, die dafür zur Verfügung stehen, eingehalten werden. Und die Funktion, muß ich sagen, habe ich nach meiner Erinnerung ordentlich durchgeführt."

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17 Stenographisches Protokoll der 168. Sitzung des 1. Untersuchungsausschusses kommerzielle Koordinierung" des Deutschen Bundestages am 2. Dezember 1993, S. 65 f.
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Zwischen zwei Stühlen

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Der H4 und die Rolle von HA XVIII und BKK

Der von mir geleitete neue Handelsbereich 4 blieb im Verantwortungsbereich der Stasi-Hauptabteilung XVIII. Das war insofern eine Besonderheit, als alle anderen Bereiche und Abteilungen von KoKO der MfS-Arbeitsgruppe "Bereich Kommerzielle Koordinierung" (BKK) unterstanden.

Das war ein gewisser Widerspruch und offensichtlich ein Kompromiß gegenüber der HA XVIII, um deren Einfluß auf die Embargoprozesse, die sie seit Jahren erfolgreich geführt hatte, nicht einzuschränken.

Die BKK nahm somit auf unsere Arbeit keinen Einfluß, hatte aber die Möglichkeit, über ihre IM bei KoKo, so über den Siegfried Stöcken, ständig informiert zu sein, uns zu kontrollieren und indirekt zu beeinflussen.

Für mich als Chef des Importbereichs eine nicht unkomplizierte Konstellation.

Der Einfluß der Führungsoffiziere - insbesondere von "meinem"

Als mein Führungsoffizier Artur Wenzel von meinem neuen Job erfuhr, war er sehr überrascht. Offensichtlich war er vor meinem Einsatz nicht von Schalck konsultiert worden, obwohl dieser wußte, daß Wenzel mein Führungsoffizier war. Vor einem Einsatz als Bereichsleiter war auf alle Fälle die Zustimmung des MfS einzuholen. Das hatte Schalck auch mit Sicherheit getan, aber eben nicht bei dem für ihn subalternen Wenzel.
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Es gab Konkurrenz der MfS Abteilungen untereinander

Wenzel machte aus seinem Herzen keine Mördergrube: „Du sitzt jetzt zwischen zwei Stühlen. Es ist ein Schleudersitz, den ich zu jedem Zeitpunkt auslösen kann. Vergiß das nicht. Wir und nicht die BKK sind dein Partner." Er meinte es ernst.

In der Folge bemühte ich mich, Wenzel bei Laune zu halten. Ich mied den Kontakt zur BKK und stimmte mich in allen Grundsatzfragen vorher mit Wenzel ab. Alle Informationen an KoKo oder das MEE erhielt er zeitgleich, so daß stets ein gleicher Informationsstand vorhanden war.

Personalfragen und Auslandsdienstreisen meiner Mitarbeiter bedurften seiner vorherigen Zustimmung. Personalvorschläge für Neueinstellungen kamen überwiegend von seiner Abteilung - es handelte sich dabei meist um Leute, die zum Teil aus den Familien von MfS-Mitarbeitern kamen oder bewährte IM waren.
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Nicht nur Nachteile - Andererseits ........

Andererseits waren die Genossen der Hauptabteilung XVIII/8 unsere Schutzengel. Sie lieferten mir sämtliche notwendigen Informationen, um erfolgreich handeln zu können. Wenn sie beispielsweise davon Kenntnis hatten, daß die westliche Seite unsere Geschäfte mit Partnern aus der Bundesrepublik stören wollte, wurden wir rechtzeitig gewarnt und konnten Gegen- und Schutzmaßnahmen ergreifen.

Oft erhielten wir Informationen über bevorstehende Kontrollen westlicher Zoll- oder Untersuchungsorgane und konnten damit auch unseren Geschäftspartnern einen Wink geben.

Durch die Verzahnung der HA XVIII mit anderen Diensteinheiten des MfS bekamen wir nicht zuletzt mehr Sicherheit, ..............
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Seite 152 und 153 fehlen .................

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Infos über Embargoware - ab Seite 154

So waren wir fein raus - schließlich würde es sich um eine Sendung an eine andere westliche Firma handeln, und die wäre nicht durch die Behörden genehmigungspflichtig.

Meist jedoch beschauten wir die Embargowaren über zwischengeschaltete Firmen, d. h. ohne Wissen und ohne Mitwirkung der Hersteller und wickelten die Geschäfte über Drittländer im Westen ab. Manchmal nutzten wir auch die Tatsache aus, daß einigen östlichen Ländern gegenüber die Embargovorschriften erheblich flexibler gehandhabt bzw. Embargolieferungen genehmigt wurden. So bezogen wir über Jugoslawien Computer aus den USA.
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Das Problem mit den "geeigneten" Handelsfirmen

Die Auswahl geeigneter Handelsfirmen zur Zwischenschaltung war das schwierigste. Sie mußten vertrauenswürdig und verschwiegen sein, über die erforderlichen Verbindungen verfügen, möglichst in der Branche als seriös gelten und zumindest über ein Minimum an Fachkenntnissen verfugen. Zudem mußten sie das Geschäft auf eigenes Risiko, auch in finanzieller Hinsicht, betreiben, da wir ihnen die Ware erst nach Erhalt auf dem Territorium der DDR bezahlten.

Solche Handelsfirmen zu finden, kam fast der Quadratur des Kreises gleich. Es gab in der Regel nur ein Motiv für die Zusammenarbeit mit uns: das schnelle Geld. Und Verdienstspannen von 30 bis 40 Prozent, darunter ging es nur selten. Beim Teamwork mit den speziellen Beschaffungsorganen der Stasi konnten diese Firmen wesentlich höhere Verdienstspannen erwarten. Das war natürlich eine besondere Verlockung, zumal von diesen Geschäften kein Finanzamt erfuhr.
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Die "Musterung" von Lieferanten

Bei der Musterung von Lieferanten nutzten wir langjährige persönliche Kontakte und Vertrauensverhältnisse, meist führten wir die Partner ganz behutsam an die Geschäfte heran. Das erforderte kluge Mitarbeiter, die sich nicht nur durch Geduld auszeichneten, sondern auch durch großes psychologisches Einfühlungsvermögen. Wir gingen ganz behutsam vor.

Zuerst testeten wir die Auserwählten, indem sie im Rahmen normaler Geschäfte, die wir als Handelsbereich 4 im großen Umfang abwickelten, leicht zu beschaffende Embargopositionen für uns besorgen sollten.

Manchmal deuteten wir an, daß es sich um Embargowaren handelte, manchmal stellten wir uns völlig taub und stumm. Waren die Firmen nach unserer Einschätzung bereit und fähig, wurden sie schrittweise in weitere Geschäfte einbezogen. Und bekanntlich kommt der Appetit beim Essen.

Das leicht verdiente Geld half, etwaige anfangs vorhandene moralische Bedenken zu überwinden. Manche, die uns zuerst nur einen Gefallen tun wollten, waren nun selbst an diesen Geschäften interessiert und wurden fast zum treibenden Keil.

Es gab auch Selbstanbieter - vermutlich CIA oder BND Tricks

Gar nicht so selten kam es vor, daß sich uns bislang unbekannte Firmen anboten, Embargowaren zu liefern. Hier war äußerste Vorsicht geboten. Schließlich wußten wir, daß gegnerische Geheimdienste über diesen Weg ihre Agenten und Informanten bei uns einschleusen wollten.

Deshalb wurden diese Bewerber durch die Hauptabteilung XVIII/8 gründlich durchleuchtet. Meist lehnten wir die Zusammenarbeit mit solchen Selbstanbietern ab. Manchmal kam es aber auch vor, daß wie uns bewußt mit Lieferanten einließen, die unter dem Verdacht standen, westlichen Geheimdiensten, insbesondere CIA und BND, zu dienen.

Sie wurden freilich nie für strategische Objekte eingesetzt und standen unter ganz besonderer Obhut der Staatssicherheit, die dadurch diese Firmen aufklären oder auch eigene Agenten (IM) einschleusen konnte, die sich als Doppelagenten anwerben lassen mußten.
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Das Auswählen von Embargolieferanten war Chefsache

Oft gab es auch seitens des MfS Tips, mit welchen Firmen im Westen wir zusammenarbeiten sollten. Ich war da immer skeptisch. Es bestand nämlich nicht nur die Gefahr der direkten Informationsabschöprung durch die Stasi, sondern auch die des Mißbraucns dieser Verbindung durch den Lieferanten, der seine Verbindung zum MfS nutzte um seine Interessen gegen uns durchzusetzen und überhöhte Preise zu erzielen oder unsere berechtigten Reklamationen abzuschmettern.

Ähnlich verhielt es sich mit Hinweisen und Empfehlungen, die uns andere Außenhandelsbetriebe oder DDR-Institutionen gaben. Obwohl sie mit den Westfirmen positive Erfahrungen gesammelt hatten, prüften wir auch diese Vorschläge sehr kritisch und griffen sie nur selten auf.

Wir mußten immerhin jedes Risiko ausschalten, daß über die DDR-Unternehmen ungewollt Informationen abfließen, die unsere Geschäfte gefährdet hätten.

Kurz und gut: Die Entscheidung, welche Westfirmen wir als Embargolieferanten auswählten, lag ausschließlich in der Verantwortung unseres Handelsbereiches. Sie war Chefsache, also meine. Weder KoKo noch MfS haben letztlich diese Entscheidungsbefugnis eingeschränkt oder direkt beeinflußt.
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Keine DDR Firmen im westlichen Ausland auswählen

Bei der Auswahl von Embargolieferanten galt ein ungeschriebenes Gesetz: Es wurden von uns keine Firmen angerührt, die die DDR im westlichen Ausland unterhielt, beispielsweise die „Gemischten Gesellschaften", oder solche, die sich im Besitz kommunistischer Parteien im westlichen Ausland befanden.

Tabu waren auch Unternehmen, an denen die DDR kapitalmäßig beteiligt war. Wir wollten deren Arbeit nicht noch mehr gefährden, wo sie sowieso schon im Visier gegnerischer Dienste standen. Daß der Westen von ihrer Existenz und den Verbindungen erst nach 1989 erfahren haben will, gehört übrigens zu einer der meist kolportierten Legenden nach der Wende.

Ein Beispiel ist die Firma Intrac in Lugano, an der KoKo kapitalmäßig beteiligt war. Über Intrac wurden jahrelang riesige Inportvolumen abgewickelt, darunter jedoch keine Embargowaren.
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Zwei schlüsselfertige Leiterplattenfabriken für rund 350 Mio. DM

Unser Handelsbereich kaufte über Intrac selbst zwei schlüsselfertige Leiterplattenfabriken im Gesamtwert von rund 350 Mio. DM. In jeder Fabrik befand sich eine einzige Embargoposition - ein computergesteuertes Prüfgerät. Diese Position wurde aus dem Vertrag mit Intrac ausgeklammert und von uns über eine andere Firma in der Schweiz erstanden.

Bei der Mehrzahl unserer Embargolieferanten handelte es sich um Handelsfirmen mit Sitz in der Bundesrepublik Deutschland, in der Schweiz, Österreich, Frankreich, Japan, Taiwan und Israel.

Wir verfugten stets über eine ausreichende Anzahl leistungsfähiger Lieferanten in diesen Ländern, mit deren Hilfe wir die uns gestellten Aufgaben erfolgreich und effektiv erfüllen konnten. Aus ihrem Kreis konnten wir jeweils den geeignetsten und ökonomisch günstigsten auswählen.
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Vermeiden jeden Risikos - auch für die Lieferanten

Nicht nur in wirtschaftlicher und finanzieller Hinsicht erfolgten die Embargogeschäfte in beiderseitigem Interesse. Unsere Lieferanten aus dem Westen erwarteten von uns natürlich auch, daß ihre Sicherheit gewährleistet wird.

Ihre Bedenken galten dabei weniger dem Westen, denn sie wußten, daß wir ihnen dort kaum helfen konnten. Vielmehr befürchteten sie, daß aus der DDR, besonders von den Endempfängern der jeweiligen Embargowaren, Informationen in den Westen abfließen.

Diese Ängste waren mitunter nicht unbegründet. So gelang es dem BND in den 19achtziger Jahren, einen Blick durchs Schlüsselloch auf die DDR-Mikroelektronik zu werfen.

Der eifrige Aufklärer arbeitete im Stammbetrieb des Kombinats Mikroelektronik in Erfurt und war durch seinen Verwandten aus der Bundesrepublik zu diesem "klandestinen" Nebenjob animiert worden.

Erich Schmidt Eenbohm: Schnüffler ohne Nase - Der BND die unheimliche Macht im Staate, Düsseldorf 1993, S. 83.
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Die Wirtschaftsspionage der westlichen Geheimdienste

Logisch, daß sich die Wirtschaftsspionage der westlichen Geheimdienste gleichfalls auf KoKo und damit auch auf unseren Importbereich konzentrierte. Darüber lagen beim MfS genügend gesicherte Erkenntnisse vor, wir mußten uns nur darauf einstellen.

Dies begann mit dem Grundsatz, daß jeder Mitarbeiter des Importbereiches nur so viel wissen durfte, wie für seine Arbeit unbedingt nötig war. Keiner sollte Lieferanten kennen, mit denen er nicht selbst zusammenarbeitete. Alle Geschäftsunterlagen wurden als Vertrauliche Verschlußsache behandelt.

Natürlich durften auch die Endabnehmer in der DDR nicht erfahren, von wem die Embargowaren stammten. Nur von der Stasi handverlesene und zur Geheimhaltung verpflichtete Spezialisten der Endabnehmer wurden von uns bei Bedarf in Verhandlungen einbezogen.
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Die Auslieferung der Embargowaren innerhalb der DDR

Die Lieferung der Embargowaren erfolgte - im Gegensatz zu den legalen Importen - nicht direkt an die Endabnehmer, sondern an unser Lager in Berlin. Hier wurde die Ware neutralisiert, d. h. die Typenschilder, Fabrikationsnummern und Herstellerschriftzüge wurden entfernt und in allen mitgelieferten Dokumenten die Hinweise auf die Herkunft, den Lieferanten und den Abwicklungsweg beseitigt.

Anlieferung und Abholung der Ware wurden von uns so organisiert, daß jeweils nur ein Lieferant bzw. Abholer anwesend war und daß der keinen Einblick in das Lager erhielt.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen stand das Lager unter der Observation westdeutscher Sicherheitsorgane. Wie wir wiederum von der Aufklärern der Staatssicherheit erfuhren, wurden dort zumindest die Kennzeichen von zahlreichen westlichen Fahrzeugen notiert, die uns Ware angeliefert hatten.

Eine direkte Anlieferung der Embargowaren beim Endabnehmer erfolgte nur in Ausnahmefällen, wo die Ware durch Servicetechniker der Hersteller oder Lieferanten montiert und in Betrieb genommen wurden. Auch hier mußten wir mittels Geheimhaltung und straffer Ablauforganisation verhindern, daß Anlieferung, Montage und Inbetriebnahme von westlichen Informanten beobachtet wird.

Nicht zuletzt legten uns die Sicherheitsvorschriften nahe, bei den Embargoimporten auf die sonst zwingende Einschaltung von Vertreterorganisationen des Transinter-Verbandes zu verzichten.

Also wählten wir als Vertreter entweder die dem MfS zugehörige Vertreterfirma Günther Forgber, aus oder wir schlossen mit den Lieferanten eigene Provisions- und Bonusvereinbarungen ab, wozu wir von KoKo ermächtigt wurden.

Die Erlöse wurden dann wieder an KoKo abgeführt. Damit konnte der Kreis derjenigen, die mit dem Vorgang zu tun hatten, eingeengt und das Risiko minimiert werden. Als Fazit bleibt jedenfalls, daß es in all den Jahren keine Lieferanten durch uns ernsthaft gefährdet wurden.
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