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Aus der Funkschau 1978 Heft Nr. 17 kommt hier
"100 Jahre Ton- und Bildspeicherung"
Artikel Nr. 20

von Prof. Dr. hc. Walter Bruch in 1977

"Odeon" machte richtig dicke Gewinne

Eine ganz frühe ODEON Platte

Von den Odeon-Werken konnte ich die Dividendenaus- schüttung für drei Jahre der Hochkonjunktur ermitteln. Sie betrug 1908 ca. 35%, 1909 wieder 35% und 1910 sogar 70%! Die Schallplatte war ein ganz schönes Geschäft.

Anmerkung: Die Prozentzahlen sind eine Art Umsatzrendite. Das bedeutet, daß z.B. 35% vom Umsatz an Gewinnen / Erträgen an die Aktionäre oder Gesellschafter ansgeschüttet wurden.

Verständlich, daß auch Edison 1912, als das Geschäft mit der Walze nachließ, auf Schallplatten überging. Er wählte dafür aber, getreu seiner Tradition von der Walze her und aus echter Überzeugung, daß dies die bessere Lösung sei, die Tiefenschrift. Da er die erste Langspielplatte herstellte, werden wir bei deren Besprechung auf die Edison-platte etwas eingehen.

Deutschland wird europäischer Marktführer

Werbung für Sprechmaschinen

In Deutschland hatte sich eine beachtliche phonographische Industrie entwickelt und man stellte dort sowohl Phonographen wie auch Walzen her.

Aber man machte Edisons letzte Entwicklungen nicht mehr mit. Als nach dem Schnitt in Wachs, so etwa ab 1902, die Platte die Qualität der Walze erreicht hatte, fingen die Fabrikanten an, sich auf die Produktion von Sprechmaschinen und Platten umzustellen.

„Sprechmaschinen" mußten in Deutschland die Plattengeräte genannt werden mit Rücksicht auf das zu einer Firma gehörende Warenzeichen „Grammophon".

Im Volksmund wurde trotzdem die Sprechmaschine ohne Rücksicht auf ihren Hersteller das Grammophon und die Schallplatte die „Grammophonplatte".

Das Wort Grammophon war in USA kein Markenzeichen

Bild 104. „Die Stimme seines Herrn"'. Das berühmte Bild mit dem Hund Nipper.
Bild 105. Dieses Warenzeichen, erstmalig von Emile Berliner am 10. Juli 1900 in den USA angemeldet, ging um die Welt.
Bild 106. Auch die Edisongesellschaft ließ sich als Revanche für den Hund Nipper auch ein Werbebild einfallen.

In Amerika hatte übrigens ein Gericht Emile Berliner das Recht, das Wort Grammophon als Markenzeichen für seine Geräte zu führen, abgesprochen, weil es zum Begriff für eine bestimmte Gattung von Geräten geworden war.

Berliner mußte sich ein neues Warenzeichen suchen, und das fand er bei einem Besuch in London. Dort hatte man ihn auf ein Bild aufmerksam gemacht, das der französische Maler Frangois Barraud gemalt hatte.

Als der Hund Nipper seines verstorbenen Bruders, der ein Tierliebhaber gewesen war, beim Erklingen der Stimme des Toten aus dem Phonographen, sich am Trichter zu schaffen machte, kam dem Maler die Idee für ein Bild.

- So jedenfalls die Story. -

Er malte den Hund, der Stimme lauschend. Berliner erkannte die Möglichkeit, dieses Bild als neues Warenzeichen für sein Grammophon zu verwenden, und ließ den Maler den Phonographen mit einem Grammophon übermalen. So hängt das Ölgemälde (Bild 104) noch heute bei der EMI in Hayes.

1902 ließ Berliner sich dieses Bild als Warenzeichen in Amerika schützen mit dem Titel „His Master's Voice" (Bild 105). Als „Die Stimme seines Herrn" kam es als Schutzmarke dann zur Deutschen Grammophon.

Die Karl Lindström G.m.b.H. produzierte ab 1907 Grammophone

Das werbewirksame Bild ließ auch die Phonographenleute nicht ruhen, und auch sie fanden einige einprägsame Werbebilder für ihre Geräte (Bild 106 und Bild 107).

Doch die Sprechmaschine war im Vormarsch. Typisch dafür sind die Produktionszahlen eines führenden deutschen Herstellers.

Bei der Karl Lindström G.m.b.H. entwickelte sich die Fabrikation folgendermaßen:

Verkaufs- (oder Produktions-) zahlen

  Phonographen Sprechmaschinen
1904 5.000 10.000
1905 6.000 27.000
1906 2.000 70.000
1907 aufgegeben 150.000
1908 -- 2.000.000

1907 - Die Schallplatte hatte gewonnen.

Bild 107. Und noch ein Edison-Werbebild, eines von vielen

Bei Lindström wurde demnach 1907 die Phonographen- fabrikation eingestellt, ähnlich war es bei den anderen deutschen Firmen. Walzen für die gelieferten Geräte mußten natürlich weiter zur Verfügung gestellt werden.

5% in Deutschland und 95% im Export

Die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg brachten der deutschen phonographischen Industrie ihre erste Hochkonjunktur mit einem ungewöhnlich hohen Exportanteil. 1907 blieb nur ein Zwanzigstel der Produktion im Lande [58].

In diesem Jahr 1907 wurde diese Industrie erstmalig in die offizielle Exportstatistik aufgenommen. Leider sind diese Statistiken nur schwer auszuwerten, weil sowohl die Phonographen und Sprechmaschinen wie auch die Walzen und Platten zusammengefaßt in Doppelzentner Gewicht aufgeführt wurden.

Immerhin sind 2.000 Tonnen Geräte im Wert von 7,65 Millionen Goldmark und 1.530 Tonnen Walzen und Platten im Werte von 12,2 Millionen ausgeführt worden. 86,8% dieses Exports blieben in Europa, 24,1% gingen nach Rußland, 19,1% nach Großbritannien usw. Für Geräte, Walzen und Platten zusammen gab es 1907 fast 100 verschiedene Markenzeichen! Jeder kleine Fabrikant war mit eigenen Marken vertreten.
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Im Jahre 1907, das wir für die Vorkriegsstatistik gewählt haben, preßte die Deutsche Grammophon in Hannover mit 200 Pressen bereits bis zu 36.000 Schellackplatten am Tag. Da sie den größten Teil dieser Platten für die Engländer herstellte, ist nicht verwunderlich, daß so viele Prozente des deutschen Exports für Großbritannien ausgewiesen waren.

Auch noch als man ab 1909 eine Presserei in Hayes bei London in Betrieb genommen hatte, lieferte Hannover weiter große Stückzahlen nach England, jetzt für den Bedarf des Empire.
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Eine Frage und eine zusätzliche Antwort

Schellack in Mainz lief bis 04.2012

Man kommt an der Frage nicht vorbei, warum die deutsche phonographische Industrie so schnell im Export eine solche Spitzenposition unter den anderen europäischen Bewerbern erlangen konnte.

Doch wohl weil sowohl für die Sprechmaschinen- herstellung wie auch für die Plattenproduktion alles zur Verfügung stand, das man dafür brauchte: hervorragende Ingenieure und Mechaniker, geschulte Aufnahmetechniker, weltbekannte Komponisten und ihre Interpreten und dazu für die Eroberung des Marktes ein Netz von Auslandsvertretungen.

Schrittweise eroberten sich die Firmen erst den Markt
mit ihren verhältnismäßig billigen und doch in der Qualität guten Sprechmaschinen und dann mit den dafür gebrauchten Walzen und Platten.

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  • Anmerkung : Hier fehlt etwas im Wissen von Walter Bruch, daß auch wir hier in Wiesbaden fast nur durch Zufall mitbekommen hatten.

    Auf einen dpa Artikel hin - im Herbst 2011 - zum Thema "80 Jahre Langspielplatte" wurde erstmals in über 250 deutschsprachigen Tageszeitungen (in dieser dpa Meldung) auf die Schellackseiten in unserm Hifi-Museum verwiesen und wir bekamen (unter anderen) einen Anruf aus Mainz, da würde aber Einiges nicht stimmen. Das wollten wir natürlich korrigieren und folgten der persönlichen Einladung nach Mainz.

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Anmerkung zu obigem Abschnitt :

In 2011 gab es in Mainz am Rhein eine ganz besondere kleine Ausstellung, (die diesmal nichts mit Karneval zu tun hatte). Mainz war nämlich die Stadt des Schellacks. Von den Anfängen bis zur Blütezeit der schwarzen Schellackplatte wurde das verbindende Harz (das oder der Schellack) für die Schallplatte europaweit in Mainz in bis zu 10 oder 12 Lack-Fabriken hergestellt. Schellack besteht aus etwa 65% gemahlenem Stein / Granit, einem 5% Teil Ruß und dann dem Bindemittel Schellack.

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Made in Germany in der ganzen Welt

Bild 108. Ob der Händler nach dem Krieg zu seinem Geld gekommen ist?

In allen Ländern fanden die Platten mit bester deutscher Musik eine gute Aufnahme. Zur Ergänzung schickte man dann noch Aufnahmeteams in die ganze Welt, die dort die bodenständige Musik aufnahmen, um sie in Walzen gegossen oder in Platten gepreßt dann in die Länder zu exportieren, in denen ihr Ursprung war. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges nahm das ein Ende. Zwar wurden in der Anfangszeit noch Platten mit patriotischen Liedern und Märschen verkauft, doch der Mangel an Facharbeitern, die Schwierigkeit, Material zu beschaffen, besonders Schellack für die Platten, zwang zur Fabrikationseinstellung. Aber auch den Käufern fehlte das Geld.

Ein Inserat zeigt, auf welche Ideen man kam, um die Käufer zu animieren (Bild 108). An die bevorstehende Geldentwertung hat der Verkäufer noch nicht gedacht, sonst hätte er seine Geräte als wertbeständige Anlage gehortet.

Von der Blüte bis zum Scherbenhaufen

Unsere Schellackplatten in riesigen Mengen und in 2 Größen

Die Betriebe wurden auf Rüstungsproduktion umgestellt und überstanden so verhältnismäßig gut den Krieg. Kurz nach Kriegsende konnte die Produktion wieder aufgenommen werden. Nach den Entbehrungen entstand ein Bedürfnis nach Unterhaltung besonders in der jungen Generation, auf diese stellte sich die Schallplattenindustrie ein. Die „Tanzwut", gefördert auch durch die neu herausgebrachten Koffergrammophone, unterstützte das Entstehen der Tanzschlager. Schlager, die uns noch heute an die „goldenen zwanziger Jahre" erinnern.

Die Schallplattenindustrie expandierte ungeheuer, bis Mitte der 20er Jahre (an dem bewußten schwarzen Freitag an der Wall Street) eine Kettenreaktion von Zusammenbrüchen erfolgte. Gerade in der Zeit, da der Übergang zur elektrischen Aufnahme und zur elektrischen Abspielung begann, erwarb die Elektroindustrie den Scherbenhaufen.

Die deutsche Schallplatte hatte Weltgeltung

His Masters Voice - Grammophon Raumtonaufnahmen, kein Nebengeräusch und grossartige Klangwirkung - Ein Wunder an Klangfülle und Tonschönheit

Der konzentrierte Neubeginn führte die deutsche Schallplatte noch einmal zu einer Glanzzeit, in der sie sich Weltgeltung verschaffte, und dann nach dem Zusammenbruch im Jahre 1945 noch ein zweites Mal - jetzt aber mit Unterstützung befreundeter, von den Kriegsverlusten verschonter ausländischer Firmen, und zwar auf ein Niveau, das weltweit anerkannt wird *3).

*3) Ein Kapitel über die Entwicklungsgeschichte des Trichtergrammophons muß als nächstes noch nachgeholt werden. Dann wird in zwei letzten Kapiteln die Technik der Schallplatte abgeschlossen. Sie werden die Entwicklung der elektronischen Techniken aus historischer Sicht so weit erläutern, daß der Leser ihren Weg weiter in der Funkschau oder in den Zeitschriften über Hi-Fi-Technik verfolgen kann.

Warum drehten die Platten mit 78 U/min ?

Später sogar 4 Geschwindigkeiten beim Dual 1009

Eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird: Wie entstand gerade die Umdrehungszahl von 78 U/min für die Normalplatte?

Bei den ersten Platten waren die Umdrehungszahlen, mit denen sie aufgenommen waren, ziemlich unterschiedlich, es war mehr oder minder dem Aufnahmetechniker überlassen, den Gewichtsmotor, mit dem geschnitten wurde, einzuregeln.

Der weltweite Austausch von Platten und Preßmatrizen forderte aber eine einheitliche Normung. Die fand man, als man auf den Antrieb der Plattenschneideapparatur mit einem elektrischen Synchronmotor überging.
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Bild 109. Die Postkarte mit Tonschrift in einer Celluloidhaut gibt es noch heute, nur nimmt man jetzt einen modernen Kunststoff als Tonschriftträger

Vom 60Hz-Netz in Amerika ausgehend, in dem ein Zweipolsynchron- motor 3.600 Umdrehungen in der Minute machte, diese durch ein Getriebe 46 zu 1 herabgesetzt, ergaben dann für den Schneideteller- antrieb 78,26 U/min oder abgerundet 78 U/min. So entstand die sogenannte 78er Platte.

Vom 50-Hz-Netz in Europa ausgehend, mit einer Umdrehungszahl von 3.000 für den Synchronmotor, brauchte man ein Getriebe mit einer Untersetzung von 38,5 zu 1, auch zusammensetzbar aus 77 zu 1 und 1 zu 2 in Reihe, um 77,92 U/min zu erhalten.

Längst arbeitet man heute mit diversen Vielpolmotor-Direktantrieben und mit quarzgesteuerten Thyristor- generatoren. Doch für die Normfestlegung waren einmal die genannten Beziehungen wichtig und maßgebend (Bild 109).

(Fortsetzung folgt)

Das Literaturverzeichnis (die Quellen) zu den Artikeln 1 bis 39

finden Sie am Ende dieser ersten Artikelserie auf einer eigenen Literatur-Seite. Die dann folgenden nächsten 32 Artikel über die Magnetband/Tonbandaufzeichnung finden Sie hier in unserem Magentbandmuseum.

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