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Wie alt sind Schellackplatten wirklich ?

Wiederveröffentlichungen alter Schellackplatten sind heutzutage in aller Regel mit genauen discographischen Angaben versehen. Aufnahmedatum und Aufnahme-Ort, Platten- wie Matrizen- bzw. Spiegel- Nummer erfährt der Suchende aus dem Begleittext, ohne selbst mühevolle Recherchen anstellen zu müssen.

Wer jedoch eine echte Schellackplatte in den Händen hält, muß schon viele andere alte Platten gesehen haben, um jene Feinheiten interpretieren zu können, die Aufschluß über das Alter einer Platte geben; beispielsweise Plattenstärke, Etikettenfarbe, Schriftzug des Labels und Rechtsform (GmbH oder AG) der Plattenfirma.

Spezielle Discographien heranzuziehen oder alte Kataloge zu vergleichen, erfordert aufwendiges Recherchieren und eine gut bestückte Handbibliothek. Eine globale Orientierung liefert bereits die Plattennummer, also jene signifikante Nummer einer Schallplatte, die deren beiden Seiten zugeordnet ist.

Da spätestens seit der elektrischen Aufnahmeepoche fast alle Schallplattenfirmen ihre Veröffentlichungen innerhalb von PräfixSerien mehr oder weniger chronologisch fortlaufend numeriert haben, läßt sich das ungefähre Jahr der Erstveröffentlichung leicht über die Plattennummer bestimmen. Voraussetzung dafür sind natürlich Vergleichsangaben von Platten mit bekannten Einspielungsdaten.

Hier kommt eine Übersicht über die Nummernvergabe für die Platten der wichtigsten PräfixSerien des englischen „His Master's Voice“ Labels und des deutschen Tochter-Labels Electrola. Es beginnt bei etwa 1924, kurz bevor das elektrische Aufnahmeverfahren eingeführt wurde und die Gramophone Company Ltd. ihre Platten in Deutschland unter dem Electrola- Label vermarktete - das weltberühmte Hunde- Etikett war ja zusammen mit der Bezeichnung „Die Stimme seines Herrn" nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland Eigentum der nun rivalisierenden Deutschen Grammophon Gesellschaft geworden. Pauschale Datierungen aus der Zeit vor 1925 sind noch wesentlich problematischer.

Die elektrisch aufgenommenen Platten der Gramophone Company Ltd. und ihrer diversen Tochtergesellschaften erkennt man bereits optisch an einem graphischen Zeichen, das sich an die Spiegelnummer anschließt. Die Spiegelnummer ist die in dem Freiraum zwischen der letzten modulierten Rille und dem Etikett einer Platte - eben dem sogenannten Spiegel - eingravierte Zahlenkombination aus Matrizen- und Takenummer. Bereits dieses zusätzliche Zeichen gibt einen Hinweis auf das Alter der Aufnahme. Als 1925 mit Mikrophonen aufzunehmen begonnen wurde, markierte man die Aufnahmewachse mit einem Dreieck. Das bedeutete, daß das Verfahren der Western Electronic angewandt wurde.

1930/31 hatte dann die britische Columbia ein eigenes Aufnahmeverfahren entwickelt, durch dessen Anwendung kostspielige Lizenzgebühren an die Western Electric hinfällig wurden. Nachdem 1931 The Gramophone Company Ltd. mit der Columbia Graphophone Co. zur E.M.I. fusionierte, wurde das Columbia-Verfahren auch für die Platten der Gramophone Company, also u.a. His Master's Voice und Electrola, benutzt. Als Unterscheidungsmerkmal kennzeichnete man die Wachse nun mit einer Swastika. Verständlicherweise ersetzte man bereits ein knappes Jahr später das Hakenkreuz wegen seiner Konnotation mit den Nazis durch ein Quadrat.

Die nachfolgende Übersicht ordnet
einzelne Plattennummern der wichtigsten Präfix-Serien ihren Erstveröffentlichungsjahren zu. Sie darf lediglich als Anhaltspunkt bzw. Einordnungshilfe verstanden werden. Es gab immer wieder Ausnahmen, Plattennummern, die aus der Reihe scherten. Die angegebenen Nummern sind meistens im letzten Drittel des ihnen zugeordneten Jahres erschienen.

Die Kennzeichnung von solchen Platten

Nicht nur die Compact Disc kann man als Spiegel verwenden. Auch die Black Disc, PVC- wie Schellackplatte, hat einen Bereich auf jeder ihrer beiden Seiten, der eine Lichtquelle spiegelt. Es ist der Freiraum zwischen der letzten modulierten Rille und dem Etikett. Diese Fläche scheint leer und unnütz - verlaufen durch sie doch nur noch die Auslauf-und Endrillen, die oft genug wegen ihrer Kratzgeräusche den Spaß an der Sache verderben können.

Nicht so für den Kenner. Für ihn ist der Spiegel das Herzstück der Platte.
Er gibt ihm Gelegenheit, ohne aufwendige Höranalysen die Identität der Platte auf Herz und Nieren zu prüfen. Denn in der Freifläche des Spiegels befinden sich kabbalistische Zeichen eingeprägt - mal gestanzt, mal erhaben, Ziffern, Buchstaben, ja auch gelegentlich Zeichen und ganz selten sogar eine Unterschrift.

Diese Zeichen lassen sich in Gruppen ordnen: Es gibt
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  • Seitennummern,
  • Signaturen,
  • Preßcodes,
  • Spiegelnummern.

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Feinheiten der Unterscheidung (grobe Übersicht)

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Die Spiegelnummer

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  • Woran erkennt man sie?
  • Was kann man aus ihr entnehmen?

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Die Spiegelnummer besteht aus zwei, manchmal drei Segmenten.

Ihr erster Bestandteil entspricht der Matrizennummer. Die Matrizennummer ist jene Nummer, die einer Serie von sukzessiv oder simultan geschnittenen Takes ein und derselben Plattenseite zugeordnet wurde. Diese Matrizennummer ist meistens auch auf dem Etikett in kleiner Drucktype abgedruckt. Sie identifiziert keine Pressungen und keine Aufnahmeschnitte, sondern (in der Regel) Aufnahmen.

So kann es vorkommen, daß zwei Platten mit identischer Matrizennummer zwar von derselben Aufnahme herrühren, aber ganz unterschiedlich klingen. Des Rätsels Lösung: Der Plattenschnitt, das Eingravieren der Schallwellen in das Aufnahmewachs oder die Lackfolie, ist ein anderer - beispielsweise eine Überspielung der älteren Plattenmatrize.

Solche Feinheiten kann man anhand der Takenummer unterscheiden, einer Zahl, die sich an die Matrizennummer anschließt, sei es, daß sie hochgestellt ist, sei es. daß sie mit einem Bindestrich von ihr abgetrennt ist.

Die ursprüngliche Funktion von Matrizen- und Takenummer wird einem klar, wenn man sich den Aufnahmevorgang in der Schellack-Ära vergegenwärtigt. Da wurden von ein und derselben Plattenseite zwei. drei oder mehr Versionen aufgenommen ( = geschnitten). Wie sollte der Aufnahmeleiter die verschiedenen Aufnahmewachse unterscheiden? Sie sehen alle mehr oder weniger gleich aus. Eine dauerhafte Kennzeichnung, die auch den Galvanisierungsprozeß übersteht, war also angebracht. So entschied man sich schon frühzeitig für eine Differenzierung nach Matrize und Take.

Im Laufe der Zeit packte man noch mehr Information in die Spiegelnummer: Aufnahmeland. Plattengröße und Aufnahmeverfahren. Leider unterließ man es. die Umdrehungsgeschwindigkeit der Aufnahmeapparatur zu codieren. Hätte man dies gemacht, wären uns heute viele ungelöste Probleme der richtigen, philologisch genauen Wiedergabe alter Aufnahmen erspart worden!

Eine Übersicht

Hier eine (beispielhafte unvollständige) Übersicht über einige Codierungen der Spiegelnummern:
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Columbia (Columbia Graphophone Co. und Schwesterfirmen): Die Spiegelnummer beginnt mit einer Buchstabenkombination, z.B. WAX.
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Dabei bedeutet:
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W = Western Electric Aufnahmeverfahren,
C = Columbia Aufnahmeverfahren mit Moving Coil (ab 1931);
A = aufgenommen in Großbritannien;
X = 30 cm Durchmesser.
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The Gramophone Company (His Masters Voice, Electrola etc.): Die Spiegelnummer beginnt mit einer Kombination aus einer Zahl und zwei Buchstaben. z.B. 2 EA.

Dabei bedeutet
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2 = 30 cm Durchmesser,
O = 25 cm Durchmesser;
E = aufgenommen in Großbritannien,
R = aufgenommen in Deutschland.
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Die Nummernvergabe zur Ermittlung des Ausgabedatums als Beispiel His Masters Voice und Electrola

Jahr B C D DA DB DB (dt.) E EG EH EJ
1924   1174 781 100 ff. 100 ff.   304      
1925   1228 1024 783 791     1 ff. 1 ff. 1 ff.
1926 2305 1296 1114 817 950   426      
1927 2470 1415 1282 900 1000   453      
1928 2722 1565 1410 1000 1270   505 250    
1929 3032 1784 1098 1443   534      
1930 3443 1995 1589 1199 1585   555 1802    
1931 3854 2160 1702 1230 1700          
1932 4188 2500 1985 1274 1756 4400 ff. 610 2450 660 606
1933 4423 2633 1346 1900 4419        
1934 8178 2666 2112 1362 2298   865  
1935 8324 2749   1421 2538 4437 3188 925 712
1936 8440 2841   1504 2633 4457 3544 982  
1937 8576 2908   1599 2950 4494 3871 1048 722
1938 8750 3011   1658 3483     3965 1055  
1939 8913 3104   1700 3600 4699   1216  
1940 9051 3173   1760 3669 5500   1220  
1941 9180 3232     5797          

Ab dem Dezember 1944 . . . .

war das Thema zumindest für Deutschland erstmal erledigt.

Bereits ab etwa 1941 wurden die Pressungen sowohl in Deutschland wie auch in England weitestgehend eingestellt. Die jeweiligen Regierungen hatten andere Sorgen. Wann es nach dem Krieg mit der europäischen Schallplatte wirklich weiter ging, werden wir über die dicken Berge der Funkschau(en) noch recherchieren.

Einen Artikel über das Pressen von Platten in 1948 finden Sie hier in diesem Bereich.

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